Herzlich Willkommen!

Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal und beharrlich im Gebet (Römer 12,12)

Die Dreifaltigkeitsgemeinde Augsburg-Göggingen versucht wie schon im Frühjahr 2020 auch in der zweiten Corona-Welle für Sie da zu sein.

Unsere Sonntagspredigten stellen wir gleich auf der Startseite ein. So erhalten auch diejenigen Zugriff auf ein geistliches Wort ihrer Gemeinde, die wegen der Pandemie zu Hause bleiben müssen.

Gottes Segen wünscht Ihnen 

Ihre Dreifaltigkeitsgemeinde

 

Warten - Predigt über 1 Thessalonicher 5, 1-6.10+11 am Drittletzten Sonntag des Kirchenjahres, 8.11.20

Lesung 1. Thess. 5, 1-6.10+11

Der Apostel Paulus schreibt an die junge Gemeinde in Thessaloniki:

Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben, denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.

Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein. (….)

Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir – ob wir wachen oder schlafen – wir zugleich mit ihm leben. Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde,

„Nichts als warten: Die Welt im nebulösen Schwebezustand“ – dieses Gefühl konnte und kann einen zur  Zeit überkommen. Wir hätten gerne mal Gewissheiten. Auch Tage nach der US-Präsidentschaftswahl  war noch nicht ganz klar, wer der neue Präsident wird. Und jetzt, wo sich Joe Biden als Sieger abzeichnet, ist die Situation trotzdem unsicher, da Trump seine Niederlage nicht eingestehen will. 

Eine andere Unsicherheit: Wann kommt ein Impfstoff gegen Corona? – Verschiedene Firmen in Deutschland und auf der Welt arbeiten mit Hochdruck daran, aber niemand kann genau vorhersagen, wann die laufenden Studien dafür beendet sind und der Impfstoff eingesetzt werden kann. – Statt Gewissheiten vielmehr weiterhin verunsichernde Nachrichten wie die Pandemie nicht nur in Augsburg sondern weltweit zunimmt. – Wir alle leiden unter den Einschränkungen und hätten gerne das Leben zurück, wo man sich ungezwungen treffen und umarmen konnte. Stattdessen Unsicherheit und Warten.

Auch die ersten Christen in Thessaloniki vor fast 2000 Jahren haben gewartet. Sie erwarteten die baldige Wiederkunft von Jesus Christus. Der 1. Thessalonicherbrief ist die älteste Schrift des Neuen Testamentes. Der Apostel Paulus schrieb den Brief – zusammen mit Silvanus und Timotheus – an die vorbildliche Gemeinde bereits 50 n. Chr.  Paulus erinnert am Anfang des Briefes daran, was sowohl er als auch die Gemeinde an Bedrängnissen mitgemacht haben – immer wieder ist von anderen, von Gegnern die Rede – und er spricht den Gemeindegliedern Mut und Hoffnung zu: Jesus Christus wird unerwartet wiederkommen:

„…ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie sagen: „Friede und Sicherheit“, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.“ Unberechenbar ist das Kommen des Herrn. Das Bild vom „Dieb in der Nacht“ ist eine damalige Alltagserfahrung und gebräuchlich gewesen, die Metapher kommt noch in mehreren neutestamentlichen Texten vor („ihr wisst genau…“). Das Bild vermittelt aber nicht nur, dass Christi Kommen unerwartet ist, sondern hat auch einen negativen Beigeschmack – denn ein Dieb zieht ja Schaden nach sich.

Daher fügt Paulus noch ein anderes Bild dazu, nämlich wie bei einer Frau die Geburtswehen unberechenbar einsetzen. Und tatsächlich kann man ja bis heute den Zeitpunkt einer Geburt zwar ungefähr voraussagen, aber  - wenn die Wehen nicht künstlich eingeleitet werden – nicht vorhersagen, wann genau die Wehen einsetzen.   Wehen bedeuten in der Bibel die Leidenszeit, die dem Kommen des Herrn vorausgeht. Und den Gegnern der Gemeinde prophezeiht Pauslus auch hier „Verderben“.  Aber das Schöne ist, dass nach den Wehen nicht Negatives oder Verlust folgen – wie bei dem Bild vom Dieb – sondern im Gegenteil ein Geschenk: neues Leben. Nach einer schmerzhaften Geburt erwarten die Mutter und den Vater und evtl. Geschwister großes Glück – ein kleines Kind, neues Leben.

„Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“ Nicht das gebräuchliche Bild vom Dieb hat Gewicht, sondern das vom neuen Leben, von den Kindern des Lichtes.

„So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.“

Paulus ruft die Christen als Kinder des Lichts zur Wachsamkeit auf. Es werden wieder die anderen erwähnt; denn auf diese nicht näher genannten Feinde der Gemeinde gehen die Bedrängnisse zurück. Doch sie, die jungen Christen, sollen als Kinder des Lichtes den Tag des Herrn wachsam erwarten.

Nun kann man einwenden: Wir haben jetzt bereits fast 2000 Jahre gewartet, dass Jesus Christus wiederkommt. Und er ist immer noch nicht gekommen. Das Gefühl ist ein bisschen ähnlich wie das Warten auf bessere Zeiten nach Corona. Beim Warten fühlt man sich sehr ohnmächtig. Im Spanischen gibt es ein Wort, das diesen Zustand beschreibt – Mareen Linnartz hat das in einem Artikel der Südd. Zeitung vom 5. 11. geschrieben: „Ein bisschen Zozobra“  Das spanische Wort „Zozobra“ bedeutet: Not, Besorgnis, ein bewegtes Meer, das einem Angst einjagt. Der Begriff  ist bei mexikanischen Intellektuellen im frühen 20. Jh. aufgekommen. Er beschreibt einen Gefühlszustand auf wackeligem Boden in fortwährender Unsicherheit und unklarer Zukunft, so wie das etwa Einwanderer erleben – oder eben wir gerade.

Liebe Gemeinde, freilich könnte man mit diesem erneuten Lockdown und den verschiedenen anderen Krisen und Unsicherheiten in der Welt oder vielleicht auch im persönlichen Leben pessimistisch werden oder gar verzweifeln. Aber da möchte ich dagegen halten: Wir Christen sind „Kinder des Lichtes und Kinder des Tages“ Kinder der Hoffnung.– Das hat seinen Grund im Ostergeschehen. Der Sieger über Hölle und Tod behält seinen Sieg nicht für sich. „Jesus Christus ist für uns gestorben, damit wir – ob wir wachen oder schlafen – zugleich mit ihm leben.“ Wie Jesus für die Seinen starb, so gibt er ihnen auch teil an seinem neuen Leben; (und die Seinen – das ist die ganze Schöpfung, wie Paulus in Röm 8 ausführt.)

Es ist die Hoffnung, liebe Gemeinde, dass auf die Zeit des Wartens und der Unsicherheit der Tag des Herrn kommt, wo alles aufgelöst wird. Bis dahin ist Wachen und Warten angesagt, ist Geduld nötig. Manche Vorgänge lassen sich nicht beschleunigen. Damit ein Impfstoff keine unerwünschten Nebenwirkungen hat, muss er gut getestet werden – das kostet Zeit. Damit alle Wahlzettel in den verschiedenen Staaten der USA ausgezählt werden können, braucht es offenbar ebenfalls Zeit und Geduld. Und auch bei anderen Dingen und Vorgängen in unserem Leben, die wir gerne schneller hätten, brauchen wir oft einen langen Atem. Nicht selten lohnt sich das Warten ja –  so ist etwa die Hoffnung groß, dass sich in absehbarer Zeit in den USA etwas zum Besseren bewegt.

Doch unser Leben besteht ja Gott sei Dank nicht nur aus Warten – ob auf eine Verbesserung in der Coronakrise oder auf die Wiederkunft Jesu Christi oder anderes.  Gerade in schwierigen Zeiten gilt, was Paulus den Thessalonichern zum Schluss unseres Textes schreibt: Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

Trösten können wir uns gerade untereinander zum Beispiel, indem wir wenigstens miteinander telefonieren oder auf anderem indirekten Weg Kontakt zueinander halten – da ist keine Ansteckungsgefahr. Auch Briefe oder gegebenenfalls Päckchen schenken Trost und bauen die anderen, die vielleicht unter Einsamkeit leiden, auf.

Trost kann uns auch durch Musik erwachsen oder durch die Beschäftigung mit guten Texten, etwa mit Gesangbuchliedern. - Christa Schlüter aus Winnenden schrieb dazu vor einigen Jahren: „In den mißlichen Situationen unseres Lebens brauchen wir Ermutigung. Aber solange alles Denken nur um die drückenden Probleme kreist, finden wir schwer einen Ausweg. Mir hat wiederholt geholfen, wenn ich meinen Gedanken eine andere neue Richtung gab. Kaum fünf Minuten kostet es, das Lied von Philipp Spitta „Ich steh in meines Herren Hand“ (EG 374) nachzusprechen. Doch diese Zeit reicht, um die Hoffnung in uns zu stärken, um neue Impulse zu geben.“

„Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben.

Nicht Erdennot nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben. 

Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält,

wird wohlbehalten bleiben.“

          Der 3. Vers kam gestern in den Losungen, die übrigens auch Trost vermitteln können:

„Und was er mit mir machen will, ist alles mir gelegen;

ich halte ihm im Glauben still und hoff auf seinen Segen;

denn was er tut, ist immer gut, und wer von ihm behütet ruht,

ist sicher allerwegen.“

Ich wünsche Ihnen, liebe Gemeinde, immer wieder diese neuen Impulse, dass unsere Gedanken eine neue Richtung finden. Ich wünsche uns allen beim Warten auf das Wiederkommen von Jesus Christus, dass wir die Hoffnung behalten. Ich wünsche uns, dass wir als Kinder des Lichtes schon in diesem Leben einander trösten und aufbauen können. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

Anne-Kathrin Kapp-Kleineidam, am 8.11.20 in der Dreifaltigkeitskirche gehalten